Auch ohne Fahrradhelm vollen Schadenersatz

Eine 58-jährige Frau fuhr im April 2011 mit einem Tourenrad ohne Fahrradhelm zur Arbeit. Eine Pkw-Fahrerin öffnete unvorsichtig ihre Fahrertüre, wodurch die Fahrradfahrerin stürzte und sich schwere Kopfverletzungen zuzog. Hätte sie einen Helm getragen, wären die Verletzungen deutlich weniger schlimm ausgefallen.

Aus diesem Grunde hatte das Oberlandesgericht Schleswig der Fahrradfahrerin ein Mitverschulden von 20 % angelastet. Der Bundesgerichtshof hat nun am 17.06.2014 (AZ: VI ZR 281/13) klargestellt, dass es zumindest zum Unfallzeitpunkt noch keinen allgemeinen Konsens gab, zum eigenen Schutz einen Fahrradhelm zu tragen. Verkehrsbeobachtungen der Bundesanstalt für Straßenwesen hatten im Jahr 2011 ergeben, dass lediglich 11 % der Radfahrer einen Schutzhelm tragen. Allerdings dürfen Helmmuffel sich nicht grundsätzlich und vor allem nicht auf Dauer zurücklehnen, da diese Entscheidung nur für „normale“ Fahrräder und für Unfälle bis 2011 gilt. Wer also ein Rennrad, ein Mountainbike oder gar ein Pedelec fährt, also schneller als der Durschnitts-Fahrradfahrer unterwegs ist, muss sich bei einem Unfall je nach den Umständen des Einzelfalles durchaus eine Mithaftung anrechnen lassen, wenn er keinen Helm trägt.

Außerdem könnte sich die Auffassung des Bundesgerichtshofs dann ändern, wenn sich das Tragen von Helmen unter den Fahrradfahrern weiter verbreitet. Im Jahr 2013 trugen bereits 15 % der Erwachsenen und 75 % der Kinder zwischen sechs und zehn Jahren einen Helm. Je mehr Menschen aber aus Überzeugung einen Helm tragen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der BGH eines Tages Fahrradfahrern, die ohne Helm fahren im Schadenfall ein Mitverschulden anlastet, wenn sich das Nichttragen des Helmes negativ ausgewirkt hat
-unabhängig von einer gesetzlichen Helmpflicht-. Da man schlecht einschätzen kann, wann dieser Zeitpunkt gekommen ist, empfiehlt es sich, trotz der oben zitierten Entscheidung, einen Helm zu tragen, um sich nicht plötzlich einem Mithaftungseinwand ausgesetzt zu sehen. Nicht zu vergessen, dass das Tragen von Fahrradhelmen erwiesenermaßen tatsächlich vor Kopfverletzungen schützt.

Rechtsanwältin und Fachanwältin für Verkehrsrecht Katharina Brasch

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