Abitur – Berufsausbildung – Studium: wann endet der Anspruch auf Unterhalt

Jedermann ist klar, dass Eltern verpflichtet sind, den Lebensunterhalt ihrer Kinder sicherzustellen. Der Unterhalt umfasst den gesamten Lebensbedarf einschl. der Kosten einer angemessenen Vorbildung zu einem Beruf (§ 1610 Abs. 2 BGB).
Über die damit zusammenhängenden Fragen kommt es immer wieder einmal zu gerichtlichen Auseinandersetzungen zwischen Eltern und ihren Kindern, so z. B. geschehen im Bezirk des Oberlandesgerichts Hamm, dem folgender Sachverhalt zugrunde lag:

Die Tochter hat die feste Absicht, nach dem Abitur Zahnmedizin zu studieren. Als sie das Abitur dann in der Tasche hat, bekommt sie keinen Studienplatz. Zur Überbrückung beginnt sie eine dreijährige Ausbildung zur zahnmedizinischen Fachangestellten (ZMF). Nach Abschluss der Ausbildung ist ein Studienplatz noch immer nicht in Sicht, sie beginnt deshalb in dem erlernten Beruf zu arbeiten. Als der Studienplatz dann endlich nach wiederholten Bewerbungsdurchläufen nach zweijähriger Berufstätigkeit zugeteilt wird nimmt sie diesen an und bittet ihre Eltern, ihr nunmehr Unterhalt zur Finanzierung des Studiums und ihres Lebensbedarfs zu zahlen.

Die Eltern verweisen T darauf, sie habe eine Berufsausbildung abgeschlossen, habe zwei Jahre in ihrem Beruf gearbeitet und habe mit ihrem Verdienst ihren Lebensunterhalt selbst finanzieren können. Sie als Eltern hätten getan, was sie tun mussten und wären zur Finanzierung einer Zweitausbildung nicht bereit und auch nicht verpflichtet.

Das Oberlandesgericht Hamm sah dies ganz anders. Es hat die Eltern zu Unterhaltszahlungen an T verurteilt. Grundsätzlich gelte, so das Oberlandesgericht, dass die Eltern eine zweite Ausbildung finanzieren müssten, wenn es sich um eine Weiterbildung handle. Dies sei der Fall, wenn

– zwischen beiden Ausbildungen ein fachlicher Zusammenhang bestehe
und
– das Kind die zweite Ausbildung in engem zeitlichen Zusammenhang mit der ersten Ausbildung aufnehme.

Beide Voraussetzungen waren nach Ansicht des Gerichts gegeben, denn die Ausbildung zur ZMF ergänze sinnvoll das Studium angesichts der damit einhergehenden Praxis- und Patientenerfahrung im Bereich der Zahnheilkunde. Ein fachlicher Bezug sei deshalb gegeben.

Obwohl seit dem Abitur fünf Jahre vergangen waren, sah das Gericht auch den engen zeitlichen Zusammenhang als noch gegeben an, denn diese beachtliche „Zeitlücke“ sei T nicht vorzuwerfen. Die Verzögerung beruhe allein darauf, dass sie keinen Studienplatz erhalten habe, obwohl sie sich regelmäßig darum beworben habe. T habe die Zeit zwischen dem Ende ihrer Ausbildung und dem Studienbeginn nicht tatenlos verstreichen lassen, sie habe im Beruf gearbeitet und damit das in der Ausbildung Erarbeitete weiter ausgebaut.

Weitere Beispiele aus der Rechtsprechung für den fachlichen Zusammenhang zwischen Ausbildung und Studium:
– KFZ-Lehre und Maschinenbaustudium; Ausbildung als Elektroinstallateur und Elektroingenieurstudium; Landwirtschaftslehre und Agrarwissenschafts-studium; Banklehre und Jurastudium; Beton- und Stahlbauer bzw. Bauzeichner und Architekturstudium, usw.

Kein fachlicher Zusammenhang wurde z. B. gesehen bei:
– Lehre als Industriekaufmann und Medizinstudium; Lehre als Speditionskaufmann und Jurastudium; Lehre als Industriekaufmann und Maschinenbaustudium, usw.